Österreichische Polizei ist Vorreiter bei Ausbildung für den Umgang mit Menschen mit Demenz.

Die Donau-Universität Krems zertifizierte am 20. März 2018 im Bundesministerium für Inneres weitere 29 Polizeidienststellen als „Demenzfreundliche Dienststellen“. 31 Dienststellen sind bereits seit Längerem zertifiziert.

Seit 2016 bietet die Sicherheitsakademie des Innenministeriums (SIAK) in Zusammenarbeit mit der Donau-Universität Krems im Intranet des Innenministeriums das E-Learning-Tool „Einsatz Demenz“ für Polizistinnen und Polizisten an. Das E-Learning-Tool der Sicherheitsakademie besteht aus drei Modulen. Darin werden die medizinischen Grundlagen der Erkrankung, Grundprinzipen der Kommunikation und Praxisbeispiele dargelegt und geübt. Der Lehrgang endet mit online zu beantwortenden Fragen zum Lernstoff. Polizisten und Beamte der Sicherheitsverwaltung können freiwillig an dem Lehrgang teilnehmen. Es ist geplant, das Tool auch für andere Berufsgruppen und Organisationen zu adaptieren, wie zum Beispiel für Hilfs- oder Pflegedienste.

Um das Gütesiegel „Demenzfreundliche Dienststelle“ von der Donau-Uni Krems zu erlangen, müssen mindestens 70 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Dienststelle das Online-Tool absolviert haben. Zusätzlich ist die Nennung einer Ansprechperson erforderlich und die Dienststelle muss sich mit sozialen Einrichtungen im Streifenbereich vernetzt haben – etwa mit Pflege- oder Senioreneinrichtungen. Seit Mai 2017 wurden österreichweit insgesamt 60 Dienststellen des Innenministeriums zu „Demenzfreundlichen Dienststellen“ zertifiziert.

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Demenz gehört zum polizeilichen Berufsalltag: „Amtshandlungen mit Menschen mit Demenz gehören für Polizistinnen und Polizisten zum Berufsalltag. Sie sind für die Beamten aber auch mit Unsicherheiten verbunden“, sagte Innenminister Herbert Kickl. Das E-Learning-Tool gebe den Beamtinnen und Beamten Handlungssicherheit. „Beim Umgang mit Menschen mit Demenz steht für mich vor allem die menschliche Komponente der Polizeiarbeit im Vordergrund. Menschen mit Demenz haben besondere Bedürfnisse. Wenn man als Polizist auf sie eingeht, hat man es leichter bei Amtshandlungen. Durch diese Weiterbildung im Intranet ist die österreichische Polizei Vorreiterin bei der Demenzausbildung.“

Am häufigsten haben Menschen mit Demenz mit der Polizei zu tun, wenn sie sie rufen und behaupten, sie seien bestohlen worden – und sie das angeblich Gestohlene nur verlegt haben. Sie werden als Abgängige häufig von Polizisten aufgegriffen. Beim Erstatten einer Abgängigkeitsanzeige in einer Polizei-Dienststelle stehen für Angehörige von Menschen mit Demenz Unsicherheiten im Umgang mit der Polizei im Vordergrund. Im E-Learning-Tool lernen Polizistinnen und Polizisten auch, wie sie diese Unsicherheiten abfedern können.

„Hier ist es wichtig, dass die Menschen kompetente und beruhigende Ansprechpartner bei der Polizei finden“, sagte Univ.-Prof. Dr. Stephanie Auer, Leiterin des Zentrums für Demenzstudien im Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin der Donau-Uni Krems. „Demenz und speziell Alzheimer werden unsere Gesellschaft in Zukunft immer mehr beschäftigen.“ Weltweit leiden derzeit 44 Millionen Menschen an Demenz, davon 130.000 in Österreich. „Diese Zahl wird sich bis 2030 verdoppeln“, sagte Auer.

Immer mehr Menschen und deren Angehörige sind mit der Diagnose Demenz konfrontiert und somit steigt der Bedarf nach qualifizierter Ausbildung. „Für die zukünftige Demenzversorgung braucht es hohe Kompetenz, Vernetzung und multiprofessionelle Teams. Die Donau-Universität Krems trägt mit einer Professur für Demenzforschung dieser gesellschaftlichen Verantwortung Rechnung und ist stolz darauf gemeinsam mit unterschiedlichsten Berufsgruppen konkrete, wissenschaftsbasierte Ansätze zu erarbeiten“, sagte Mag. Friedrich Faulhammer, Rektor der Donau-Universität Krems.

Das aktuelle Projekt „Einsatz Demenz“ ist ein besonderer Beleg für wissenschaftsbasierte Lösungen. Mag. (FH) Edith Span, Geschäftsführerin der MAS-Alzheimerhilfe, sagte: „Es ist ein Faktum, dass in kürzester Zeit nahezu alle Familien direkt oder indirekt von Demenz betroffen sein werden. Daher zeigt das hohe Engagement der Polizei für mehr Demenz-Kompetenz auch einen hohen gesellschaftlichen Weitblick, der einen wertvollen Beitrag liefert, damit betroffene Familien ein besseres Leben führen können.“ Die MAS-Alzheimerhilfe setzt auf professionelle Organisation, Forschung und Vernetzung, um Hilfe für betroffene Familien zu leisten.

Österreichische Polizei geht als Vorbild voran: Die Gesellschaft ist gefordert, die Erkrankten nicht zu stigmatisieren, sondern dafür zu sorgen, sie möglichst lange in ihrem normalen Umfeld integriert zu lassen. Univ. Prof. Dr. Stefanie Auer, die auch wissenschaftliche Leiterin der MAS-Alzheimerhilfe ist, sagte: „Mit diesem E-Learning-Angebot erlangen Polizistinnen und Polizisten mehr Handlungssicherheit im Umgang mit Menschen mit Demenz und setzen gleichzeitig ein Zeichen für ein demenzfreundliches Umfeld. Als Projektleiterin für ‚Einsatz Demenz‘ hoffe ich, dass das Beispiel Schule macht und sich andere Berufssparten der Herausforderung Demenz stellen.“

Die Vorreiterrolle der Polizei könne hierbei nicht hoch genug geschätzt werden. Dieser Beitrag sei ein wichtiger Baustein dafür, dass betroffene Familien eine Umgebung vorfinden, in der sie länger in der Gesellschaft integriert leben können.

Informationen-Foto: Gerd Pachauer, BM.I, http://www.bmi.gv.at/