Krems: "Altern" und "Langlebigkeit" waren die zentralen Themen beim Symposium "Gesünder länger leben" an der Donau-Universität Krems. Zwei Tage diskutierten renommierte ExpertInnen, darunter Alternsforscher Leopold Rosenmayr, Volkswirt Gunther Tichy, Mediziner Franz Böhmer, Sozialwissenschaftler Bernd Marin und die ehemalige deutsche Gesundheitsministerin Ursula Lehr, in Krems über Aspekte und Herausforderungen angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen immer länger leben.

Initiator und Leiter der Veranstaltung, Georg Ruppe von der Donau-Universität Krems, will mit diesem Symposium eine bis dato kaum realisierte, aber notwendige interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema fördern.

Österreich stehe vor großen Herausforderungen, betonte Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky am 10.12.07 in Krems vor rund 300 SymposiumsbesucherInnen aus ganz Österreich und Europa. Die Fakten sprechen für sich: Bis 2030 wird sich der Anteil der über 60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von einem Fünftel auf ein Drittel erhöhen.

In ihrem Eröffnungsvortrag zum Symposium "Gesünder länger leben" an der Donau-Universität Krems begrüßte die Ministerin "eine so vielschichtige Form der wissenschaftlichen Veranstaltung". Denn, so Kdolsky, eine adäquate Vorsorge und Versorgung betreffe alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Leitlinien müssten auf interdisziplinärer und wissenschaftlicher Basis entwickelt werden. Die zentralen Bereiche und Themen sieht die Ministerin in der Prävention und Geriatrie sowie in der Mobilität, Kommunikation, dem betreuten Wohnen und lebenslangen Lernen. In diesem Zusammenhang begrüßte die Ministerin auch die Gründung einer "Österreichischen Plattform für Alternsfragen" auf nationaler Ebene.

"Das Besondere und Neue ist die interdisziplinäre Bearbeitung des Themas durch die Veranstaltung selbst, weil es diese Form der multiperspektivischen Auseinandersetzung üblicherweise nicht gibt, dabei aber immer wieder gefordert wird. Und weil Erkenntnisse und Zugänge einer Disziplin allein nicht zur Bewältigung der umfassenden Herausforderungen durch Alterung ausreichen", erklärt Georg Ruppe von der Donau-Universität Krems die Bedeutung der Veranstaltung.

Gesundes Altern von sozialer Zugehörigkeit abhängig

Ursula Lehr, die ehemalige deutsche Gesundheitsministerin, wies in ihrem Plenarvortrag auf die sozialen Aspekte des Themas hin. Da die unteren sozialen Schichten einen geringeren Anteil der gesunden Lebensjahre aufweisen, müssten Ungleichheiten insbesondere durch Bildung und Aufklärung in den Familien begegnet werden. "Krankheiten im Alter sind meistens alternde Krankheiten und keine Alterskrankheiten", führt Lehr weiters aus. Das heißt, gesund Altern ist großteils eine Frage des Lebensstils. 2005 lag der Anteil der nicht Pflegebedürftigen in Deutschland bei 81,1 Prozent.

Leben Lieben Lernen

Alternsforscher Leopold Rosenmayr belegt die Auswirkungen sozialer Ungleichheit mit Zahlen für Österreich. In der Altersgruppe ab 50 Jahren sehen 77 Prozent der Oberschicht der Zukunft positiv entgegen und 66 Prozent betreiben körperliches Training. Lediglich 34 Prozent der unteren Schicht hingegen sehen die Zukunft rosig und 24 Prozent sind sportlich aktiv.

Dass Persönlichkeitsentwicklung, Selbstreflexion und damit Bildung zentrale Elemente der positiven Bewältigung des Alterns darstellen, darin waren sich alle ExpertInnen einig. Auf eine Formel gebracht empfehlen die Alternsforscher "Leben, Lieben, Lernen" als Strategie für "gesundes" Altern. Dazu zählen körperliche und geistige Aktivität, gesunde Ernährung und soziales Engagement.

"Antizipation und Verarbeitung kritischer Lebensereignisse senken das Demenz- und Mortalitätsrisiko", bringt es Rosenmayr auf den Punkt. Happiness- und Wellnesstrends seien reine Fassaden, denn ohne Widerspruch könne niemand leben, ist der Soziologe überzeugt.

Smart Homes: Technik als Hilfe zur Selbsthilfe

Neben sozialen, psychologischen und ökonomischen Ansätzen zum Thema Altern präsentierten Techniker der TU Wien und des Forschungszentrums CEIT RALTEC in Schwechat aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien.

Das CEIT (Central European Institute of Technology) wurde 2006 in Schwechat gegründet und ist Zentraleuropas jüngste außeruniversitäre Forschungs- & Entwicklungseinrichtung. Paul Panek ist dort am Aufbau eines "Living Labs" in Zusammenarbeit mit dem dortigen Seniorenzentrum beteiligt.

In den Projekten "e-Home" und "e-Shoe" werden Prototypen mit Hilfe von einfachen Sensoren entwickelt, die Stürze oder Veränderungen in den Verhaltensmustern der SeniorInnen erkennen und entsprechend reagieren. "Die Betroffenen sind Experten in eigener Sache. Die Bedürfnisermittlung in Form von qualitativen Interviews ist daher ein wesentliches Element der laufenden Projekte", erläutert Panek die interdisziplinäre Herangehensweise.

"Technik muss Vertrauen wecken und muss daher einfach und verständlich transportiert werden", ergänzt Wolfgang Zagler von der TU Wien, der seit 30 Jahren auf dem Gebiet der Rehabilitationstechnik arbeitet. Die Hoheit müsse immer beim Benutzer liegen.

Selbstbestimmung und Autonomie fördern

Der volkswirtschaftliche Nutzen des Lebens in der eigenen Wohnumgebung gegenüber dem Wohnen in einer Pflegeeinrichtung liegt auf der Hand. Auch die Kosten von medizinischer Diagnose und Behandlung seien im Vergleich zur institutionellen Langzeitpflege mit zwei bis drei Prozent irrelevant, rechnet Franz Böhmer, ärztlicher Direktor vom SMZ Sophienspital in Wien und ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie vor.

Akutgeriatrie und die sorgfältige Abstimmung der Medikamente für ältere Patienten beispielsweise würden Pflegeheimkosten vermindern, indem ältere Menschen länger selbstständig leben können. "Es gibt keine gesunden 100-Jährigen, aber autonome", zitiert Böhmer einen Kollegen.

Initiatoren, Partner und Ausblick des Symposiums

"Gesunder länger leben" wurde von der Donau-Universität Krems gemeinsam mit der Agentur für Gesundheitsvorsorge des Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds sowie in Kooperation mit dem Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend und dem Fonds Gesundes Österreich veranstaltet. Die Form des interdisziplinären Austauschs über das vielschichtige gesellschaftspolitische Thema "Altern" wurden von den TeilnehmerInnen äußerst positiv bewertet und dessen Bedeutung durch den Wunsch einer Folgeveranstaltung dieser Art betont.

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Fotos: Donauuniversität Krems

Informationen: www.donau-uni.ac.at/gll