Tag der Artenvielfalt (22.5.): Weltweit eine Million, in Österreich ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten bedroht – Vertrieben, verdrängt, verfolgt: Artensterben ist menschengemacht – WWF zeigt Bildgalerie von 10 gefährdeten heimischen Arten

Wien, 21.05.2020 – Anlässlich des Tags der Artenvielfalt am Freitag warnt der WWF Österreich vor dem leisen Sterben der Natur. Laut Weltbiodiversitätsrat IPBES könnten in den nächsten Jahrzehnten bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten weltweit aussterben. Für Österreich sind die Aussichten ebenfalls düster. Rund ein Drittel der heimischen Tier- und Pflanzenarten ist laut „Roter Liste“ gefährdet, bei einzelnen Arten ist die Bedrohung sogar deutlich größer. „Unsere Natur ist systemrelevant, aber wir verbauen und übernutzen sie im Rekordtempo“, sagt Christian Pichler vom WWF Österreich. Der Artenschutzexperte sieht vor allem die Politik gefordert, einen Kurswechsel einzuleiten: „Wir brauchen einen nationalen Aktionsplan zum Schutz der Artenvielfalt, mit verpflichtenden Zielen, Maßnahmen und Budgets. Wir müssen unsere verbliebene Natur erhalten und streng schützen. Verbaute und zerstörte Landschaften müssen so gut wie möglich renaturiert werden. Auch die Wildtierkriminalität muss stärker bekämpft werden.“

Dass Österreich Europameister im Bodenverbrauch ist, stellt die Hauptursache für das heimische Artensterben dar. Für den Bau von Straßen, Siedlungen und Betrieben werden täglich 13 Hektar Grünland und damit wertvoller Lebensraum versiegelt – doppelt so viel wie in Deutschland oder der Schweiz. „Wenn Bestäuber wie die Bienen, Fische wie die Bachforelle und Vögel wie die Feldlerche eine Zukunft haben sollen, muss die Politik entschieden handeln. Der Wildwuchs an Einkaufszentren am Ortsrand muss ebenso der Vergangenheit angehören wie neue Autobahnen oder Wasserkraftprojekte, die unsere letzten freifließenden und ökologisch intakten Flüsse zerstören. Zudem braucht es ein konsequentes Vorgehen gegen jene, die illegal Jagd auf geschützte Tiere machen und rücksichtslos ganze Populationen gefährden“, fordert Pichler.

Denn der Raubbau an der Natur ist auch ein Raubbau an uns selbst. „Ökosysteme funktionieren wie eine lebenswichtige Fabrik, die saubere Luft, sauberes Wasser und gesunde Lebensmittel für den Menschen produziert. In den letzten 50 Jahren sind die weltweiten Populationen von Wirbeltieren jedoch um durchschnittlich 60 Prozent eingebrochen. Welche Fabrik könnte weiter produzieren, wenn sie 60 von 100 Angestellten verliert?“ fragt WWF-Experte Pichler besorgt.

Stellvertretend für die unzähligen bedrohten Arten hat der WWF zehn heimische Wildtiere ausgewählt, die gut beschreiben, auf welche Weise sie vertrieben, verdrängt und verfolgt werden.

Wildbienen

 

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Wildbienen_©_Kari_Schnellmann_Rapperswil-Jona_SG.jpg

An die 700 Wildbienenarten gibt es in Österreich. Mehr als die Hälfte davon ist bedroht. Bienen übernehmen einen Großteil der Bestäubungsleistung unserer Kultur- und Wildpflanzen. Doch Pestizid-Einsatz, Überdüngung und Monokulturen in der industriellen Landwirtschaft zerstören ihre Nahrungsquellen und Nistplätze. Verschwinden die Wildbienen, verschwinden viele Pflanzenarten. Der ökologische und wirtschaftliche Schaden wäre enorm.

Feldlerche

Eurasian skylark in the snow (Alauda arvensis).

Feldlerche_©_Ola_Jennersten_WWF-Sweden.jpg

Weiträumige, offene Flächen mit niedriger Vegetation sind der bevorzugte Lebensraum der Feldlerche. Österreichs Kulturlandschaft sollte ihr also eine schöne Heimat bieten, denn auf landwirtschaftlich genutzten Flächen fühlt sie sich wohl. Wären da nicht die zunehmende Versiegelung der Landschaft und der starke Einsatz von Insektenschutzmitteln. Betonflächen sind kein geeigneter Lebensraum und Insektizide tragen maßgeblich zum großen Insektensterben bei. Damit verschwindet die Hauptnahrungsquelle der Feldlerche, was sie zu einer gefährdeten Art macht.

Bachforelle

Bachforelle © Toni Vorauer / WWF

Der idyllische Anblick von Österreichs Flüssen und Seen täuscht. Um die Tierwelt unter der Wasseroberfläche ist es schlecht bestellt. 60 Prozent der heimischen Fischarten sind gefährdet. Das betrifft auch die Bachforelle. Flüsse sind zu stark verbaut, von über 5.000 Kraftwerken zerschnitten und mit Schadstoffen durch intensive Landwirtschaft belastet. Fische reagieren sensibel auf die steigenden Wassertemperaturen durch den Klimawandel. Auch die Ausbreitung von Krankheiten wird dadurch begünstigt.

Feldhamster

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Feldhamster © Christoph Roland

Die zunehmende Verbauung und Zerschneidung natürlicher Lebensräume sowie immer intensivere Landwirtschaft machen dem Feldhamster das Überleben schwer. War er Mitte des letzten Jahrhunderts noch so häufig, dass man ihn für sein Fell jagte, ist er heute in weiten Teilen Europas wie auch in Österreich vom Aussterben bedroht. Kann ein Hamster nicht mehr fliehen, stellt er sich zur Verteidigung auf die Hinterbeine. Planierwalzen und Bagger lassen sich davon leider nicht abschrecken.

Großer Eichenbock

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Wald ist nicht gleich Wald. Naturnahe Wälder sind wahre Schatzkammern der Artenvielfalt. In Österreich sind jedoch großteils nur mehr naturferne, eintönige und intensiv bewirtschaftete Forste zu finden. Sie sind zu „aufgeräumt“, es fehlt ihnen an Alt- bzw. Totholz, das wertvollen Lebensraum für Tiere bietet. So auch für den Großen Eichenbock, der mit bis zu fünf Zentimetern Länge einer der größten Käfer Europas ist. Aber auch einer der seltensten.

Schwarzspecht

 

AUT, 1995: Schwarzspecht (Dryocopus martius) Weibchen mit drei Jungvoegel bei Nestfuetterung. | AUT, 1995: Black Woodpecker (Dryocopus martius) feeding chicks. | [ © H.Pum/4nature – Abdruck nur gegen Honorar, Copyrighthinweis und Belegexemplar – Infos und AGBs unter: www.4nature.at – Tel: +43(0)1-5856464 – Bank: BA-CA Wien BLZ: 12000 KtoNr.: 00610 781 908]

Schwarzspecht_mit_Jungen_©_H._Pum_4nature.jpg

Rekordverdächtige 20 Schnabelschläge pro Sekunde schafft ein Specht. Doch das vertraute Klopfen aus den Baumkronen wird in Österreich immer seltener. Denn was für viele tierische Waldbewohner gilt, ist auch für den Schwarzspecht – den mit Abstand größten europäischen Specht – ein echtes Problem: monotone Forste mit zu wenig Alt- bzw. Totholz. Im Gegensatz zu anderen Arten leidet er zwar weniger unter dem Wandel von naturnahen Wäldern in von Fichten dominierte Wirtschaftsforste. Doch modernde Baumstumpen und liegendes Totholz sind das ideale Biotop, wovon es immer weniger gibt.

Großes Mausohr

Großes_Mausohr_©_Anton_Vorauer_WWF.jpg

28 Fledermausarten sind in Österreich heimisch. Ausnahmslos alle stehen auf der Roten Liste bedrohter Arten – wie zum Beispiel das Große Mausohr. Besonders zu schaffen machen ihnen die Vergiftung der Umwelt und immer eintönigere Lebensräume. Der Einsatz von Pestiziden und Insektiziden in der industriellen Landwirtschaft wie auch Monokulturen vernichten Insekten und damit die Nahrungsquelle der Fledermäuse. Geht es den Insekten schlecht, gibt es auch keine Zukunft für die Fledermäuse.

Seeadler

Nachdem der Seeadler hierzulande bis vor 20 Jahren als ausgestorben galt, zeigen jahrelange und grenzübergreifende Schutzmaßnahmen endlich Wirkung. Zwar hat Österreichs Wappentier die erfolgreichste Brutsaison seit dessen Rückkehr hinter sich. 35 bis 40 Brutpaare sind mittlerweile wieder in Österreich heimisch. Doch illegale Verfolgung ist eine der größten Bedrohungen für die kleine Population. Immer wieder werden Seeadler verbotenerweise abgeschossen oder verenden qualvoll an vergifteten Ködern, die auch für andere Wild- und Haustiere eine tödliche Gefahr darstellen.

Luchs

 

Nationalpark Bayerischer Wald

Luchs_im_Schnee_©_Jiri_Bohdal.jpg

Der Luchs, Europas einziger katzenartiger Beutegreifer, galt in Österreich als ausgerottet. Erst durch Wiederansiedlungsprojekte wurde er langsam wieder in unsere Breiten heimisch. Nur maximal 15 bis 20 Luchse gibt es hierzulande. Der kleinen Population machen vor allem zwei Probleme zu schaffen. Luchse benötigen riesige Waldgebiete, um überleben zu können. Doch Österreichs Straßennetz – das größte Europas – zerschneidet wertvollen Lebensraum. Außerdem wird er illegal verfolgt. Gleich mehrere getötete Luchse wurden in den letzten Jahren aufgefunden. Die Täter konnten nur selten ausgeforscht und bestraft werden.

Wolf

Grauwolf (Canis lupus) / wolf, wolve / Foto: Ralph Frank

Vor 100 Jahren wurden Wölfe in Österreich ausgerottet. Heute sind sie europaweit streng geschützt und kehren auf natürliche Weise langsam wieder in den Alpenraum zurück. Lediglich 30 bis 35 Individuen gibt es hierzlande. Doch obwohl von der Art keine Gefahr für den Menschen ausgeht und Nutztiere durch Zäune oder Hunde geschützt werden können, wollen ihr manche erneut an den Kragen. Im letzten Jahr wurde ein Wolf in Tirol illegal geschossen und sogar enthauptet aufgefunden. In Niederösterreich ist ein ganzes Rudel verschwunden.

Mag. Florian Kozák, Pressesprecher WWF Österreich, florian.kozak@wwf.at  ,